Beschluss des Verfassungsgerichtes November 2023

Parental Alienation Syndrom (PAS) – Klingt wissenschaftlich und nach klar zu stellender Diagnose? Oder?

Spätestens seit 1987 der Psychiater Gardner diese „Diagnose“ salonfähig gemacht hat, wird die sogenannte „Eltern-Kind-Entfremdung“ (PAS auf Deutsch) gern hergenommen, um wegweisend in strittige Auseinandersetzungen rund um Sorge und Umgangsrechte von Eltern einzugreifen.

Die schuldigen Elternteile sind je nach Interessenslage schnell gefunden, die „Diagnosen“ werden von Mitarbeitern im Helfersystem gern gestellt und genutzt, um den Paragrafen 1666 BGB (Verdacht auf Kindeswohlgefährdung) aufzurufen, werden in Gutachten festgeschrieben, die ziemlich oft jeder wissenschaftlicher Grundlage entbehren. Die Kinder baden das aus – werden entmündigt, verlieren das Vertrauen in die Eltern und in die Behörden sowieso. 

Seit Jahren tobt in Fachkreisen ein erbitterter Streit darüber, ob PAS als Krankheit überhaupt diagnostiziert werden darf.

Am 17.11. 2023 hat das Bundesverfassungsgericht einen Beschluss erlassen, der einem Erdrutsch gleichkommt.

Zentrale Betrachtungen des Beschlusses sind die Grundrechte von Vater und Mutter, aber vor allem auch die Grundrechte von Kindern und der Umgang damit bei den gerichtlichen Entscheidungen im Vorfeld der Verfassungsbeschwerde.

Diese Grundrechte sind zu beachten bei allen Entscheidungen und die Gerichte (sowie bestenfalls vorher schon alle Beteiligten solcher Auseinandersetzungen) haben sich mit den Besonderheiten der Einzelfälle angemessen auseinander zu setzen.

Zitate aus dem Beschluss des Verfassungsgerichtes:

die Gerichte sollen „die Interessen der Eltern sowie deren Einstellung und Persönlichkeit würdigen und auf die Belange der Kinder eingehen“, aber

„eine dem Elternrecht genügende Entscheidung kann nur aufgrund der Abwägung aller Umstände des Einzelfalls getroffen werden … bei der allerdings auch zu berücksichtigen ist, dass die Abwägung nicht an einer Sanktion des Fehlverhaltens eines Elternteils, sondern vorrangig am Kindeswohl zu orientieren ist …

Denn Maßstab und Ziel einer Sorgerechtsentscheidung ist nicht der Ausgleich persönlicher Defizite zwischen den Eltern, sondern allein das Kindeswohl

„Mit der vom Oberlandesgericht herangezogenen Eltern-Kind-Entfremdung wird auf das überkommene und fachwissenschaftlich als widerlegt geltende Konzept des sogenannten Parental Alienation Syndrom (kurz PAS) zurückgegriffen. Das genügt als hinreichend tragfähige Grundlage für eine am Kindeswohl orientierte Entscheidung nicht. Soweit ersichtlich besteht nach derzeitigem Stand der Fachwissenschaft kein empirischer Beleg für eine elterliche Manipulation bei kindlicher Ablehnung des anderen Elternteils oder für die Wirksamkeit einer Herausnahme des Kindes aus dem Haushalt des angeblich manipulierenden Elternteils” (vgl. umfassend Zimmermann/Fichtner/Walper/Lux/Kindler, in: ZKJ 2023, S. 43 ff., und dies. in: ZKJ 2023, S. 8)

Bleibt zu hoffen, dass dieser Beschluss Grundlage aller künftigen Entscheidung sein wird.

Das Thema ist ein für alle Beteiligten schwieriges Feld, aber runtergebrochen auf den Willen und das Wohl der Kinder als Maßstab sollte die Herangehensweise mit dem 17.11.2023 doch klarer geworden sein.

Hier seht ihr den vollständigen Beschluss:

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